Sonntagsfrage Thüringen

Thüringen wurde 1990 im Zuge der deutschen Einigung als Land wieder errichtet. Seither hatten die Thüringer sechsmal die Möglichkeit, bei Landtagswahlen ihre Stimme abzugeben. Die Sonntagsfrage in Thüringen bot dabei jeweils im Vorfeld Gelegenheit, die politische Stimmung – auch über längere Zeiträume hinweg – zu erfassen.

In der folgenden Grafik sind Gewinner und Verlierer der aktuellen Sonntagsfrage im Kontext der Ergebnisse der letzten Thüringischen Landtagswahlen dargestellt.

Die Sonntagsfrage in Thüringen

In Thüringen wird spätestens seit der Jahrtausendwende relativ häufig die Sonntagsfrage zu Landtagswahlen gestellt. Die Befragungen der letzten Jahre wurden überwiegend von Inftratest dimap und INSA, gelegentlich auch von der Forschungsgruppe Wahlen, dem Marktforschungsinstitut IfM Leipzig, von Emnid und anderen durchgeführt. Auftraggeber waren meist der MDR oder Thüringer Zeitungen, zum Teil auch Medien mit bundesweiter Ausrichtung. Die Sonntagsfrage häufte sich naturgemäß in zeitlicher Nähe zu den jeweiligen Landtagswahlen. In den „Zwischenzeiten“ waren die Abstände größer mit einem Rhythmus von etwa ein bis zwei Monaten.

Die Landtagswahlen in Thüringen seit 1990

Aus den ersten Landtagswahlen am 14. Oktober 1990 kurz nach der Deutschen Einheit ging die CDU mit 45,4 Prozent als stärkste Partei hervor. Auf Platz 2 folgte die SPD mit 22,8 Prozent. Außerdem zogen PDS (9,7 Prozent), FDP (9,3 Prozent) und Grüne (6,5 Prozent) in den Landtag ein.

In den folgenden Landtagswahlen bis 2004 konnte die CDU sich jenseits der 40 Prozent als stärkste Kraft behaupten, 1999 erreichte sie mit 51 Prozent sogar die absolute Mehrheit. Die SPD musst dagegen im Zeitablauf einen herben Bedeutungsverlust hinnehmen. Ihr bestes Ergebnis erreichte sie 1994 mit 29,6 Prozent, 2014 entschied sich nur noch jeder achte Wähler für die Partei. Profitiert hat vor allem die PDS bzw. die Linke, die ihre Ergebnisse stetig steigern konnte und 2014 mit 28,2 Prozent ihren bisherigen Bestwert erzielte.

Die im Zeitablauf allmählich stattfindende Gewichtsverschiebung in der politischen Landschaft Thüringens – Abschwächung der führenden Stellung der CDU, Erstarken der Linken, Bedeutungsverlust der SPD – zeigte sich auch in den Sonntagsfragen. 2014 trat mit der AfD erstmals eine neue politische Kraft rechts von der CDU in Erscheinung. Auch das hatte sich vorher in der Sonntagsfrage abgezeichnet.

Sonntagsfrage Thüringen und Landtagswahlen 2014

Die Landtagswahlen am 14. September 2014 brachten der CDU mit 33,5 Prozent leichte Gewinne, der SPD einen Absturz um mehr als sechs Prozentpunkte auf 12,4 Prozent. Die erstmals angetretene AfD zog mit 10,6 Prozent auf Anhieb in den Landtag ein. Trotz des relativen Wahlerfolgs führte das Ergebnis für die CDU zum Machtverlust. Die bis dahin regierende CDU/SPD-Koalition wurde durch ein Bündnis aus die Linke, SPD und Grünen abgelöst. Die vor der Wahl durchgeführten Sonntagsfragen deuteten bereits auf das Ergebnis hin, wobei die bisherigen Regierungsparteien CDU und SPD etwas stärker abschnitten, die Linke und AfD dagegen schwächer.

Sonntagsfrage Thüringen und Landtagswahlen 2009

Bei den Landtagswahlen am 30. August 2009 musste die CDU ihr bis dato schlechtestes Ergebnis und dramatische Verluste hinnehmen. Sie verlor fast 12 Prozentpunkte und erreichte nur noch 31,2 Prozent. Davon konnten alle übrigen Parteien im Landtag – die Linke, SPD, Grüne, FDP – profitieren. Grüne und FDP zogen erstmals seit 1990 wieder in den Landtag ein. Der CDU-Absturz hatte sich in den Sonntagsfragen in diesem Ausmaß nicht abgezeichnet. Hier schnitt die Partei durchweg besser ab, zum Teil mit Werten um die 40 Prozent. Die Linke wurde dagegen tendenziell unterschätzt. Bei Grünen und FDP zeigte die Sonntagsfrage sowohl Über- als auch Unterschätzungen.

Sonntagsfrage Thüringen und Landtagswahlen 2004

Mit 43,0 Prozent verlor die CDU bei den Landtagswahlen am 13. Juni 2004 ihre zuvor errungene absolute Mehrheit und kehrte auf „Normalmaß“ zurück. Im Landtag behauptete sie allerdings aufgrund der Sitzverteilung ihre Mehrheit. Die PDS konnte ihren Stimmenanteil auf 26,1 Prozent deutlich ausbauen. Die Sonntagsfragen seit der letzten Landtagswahl 1999 hatten das CDU-Ergebnis bereits vorgezeichnet. Die Partei lag in den Umfragen fast durchweg im 40er-Prozent-Bereich. Die PDS schnitt dagegen in der Landtagswahl erheblich besser ab als in den Sonntagsfragen. Hier hatte sie seit 2003 stets um die 20 Prozent „notiert“. Über 20 Prozent war dagegen die SPD gesehen worden, die die Sonntagsfragen mit 14,5 Prozent in der Landtagswahl deutlich unterbot.

Zur politischen Stimmungslage in Thüringen

Seit der Neu-Errichtung des Landes Thüringen ist die CDU die stärkste Kraft, konnte allerdings nie die dominierende Stellung wie im Nachbarland Sachsen erreichen. Die absolute Mehrheit gewann sie nur einmal unter dem populären Ministerpräsidenten Bernhard Vogel. Seit 2004 hat die CDU einen erheblichen Teil ihrer Wählerschaft – etwa ein Viertel – verloren und bewegt sich seither im 30er-Prozent-Bereich. Dieses Bild zeigen auch neuere Sonntagsfragen. Die PDS/Linke konnte sich auf Dauer erfolgreich als Nummer 2 positionieren. Die SPD hat einen mehr oder weniger kontinuierlichen Abstieg erlebt und ist auf dem Weg zur „Zehn-Prozent-Partei“. Auch darauf weisen die Sonntagsfragen hin. FDP und Grüne sind in Thüringen eher schwach und „pendeln“ um die Fünf-Prozent-Hürde. Mit der AfD ist 2014 erstmals eine neue Partei in den Thüringer Landtag eingezogen. In den Sonntagsfragen liegt sie seit 2015 sogar weit über ihrem letzten Landtagswahl-Ergebnis – um die 20 Prozent – und hat damit gute Aussichten, bei der nächsten Wahl drittstärkste Partei zu werden.

Sonntagsfrage Thüringen – Aussagekraft und Fehler

Bei den Sonntagsfragen kurz vor der letzten Landtagswahl zeigte sich der übliche Fehlerbereich von ein bis drei Prozent. Auffällig sind die relativ großen Abweichungen bei den Sonntagsfragen und den Wahlergebnissen im Zusammenhang mit der Landtagswahl 2004. Fehleinschätzungen gab es mehrfach bei der SPD. Tendenziell wird die CDU bei Sonntagsfragen „überschätzt“, die PDS/Linke dagegen eher „unterschätzt“. Das gilt auch für die AfD, für die allerdings nur Erfahrungswerte für die Landtagswahl 2014 vorliegen.

Ein Fazit zur Sonntagsfrage Thüringen

Nach einer Zeit der „Sortierung“ findet der Wettbewerb um die politische Führung in Thüringen zwischen den beiden Parteien CDU und Linke statt, die sich nahezu auf „Augenhöhe“ bewegen. Die AfD könnte zur Nummer 3 im politischen Kräftespiel werden, wenn sie ihren Erfolg von 2014 fortsetzt. Die Aussichten dafür stehen nicht schlecht, wie die Sonntagsfragen zeigen.